Zu Besuch bei einer Kommune

Zu Besuch bei der Gemeinschaft „Comune di Bagnaia“ (Ancaiano, Siena, Toskana)

Unser erster Gastgeber war die ländlich gelegene „Comune di Bagnaia“ in der Nähe Siena in der Toskana. Dort waren wir zweieinhalb Wochen. Die Menschen haben sich sehr gut um uns gekümmert, auch wenn wir uns wegen Sprachbarrieren nicht so viel unterhalten konnten. Mittags und abends wurde immer zusammen gegessen, das war sehr schön in großer Runde und manchmal haben sich auch nette Gespräche ergeben. Essen gab es immer reichlich, der Essenswagen war wie ein kleines Buffet!

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Typisch Toskana: Wohnhäuser der Gemeinschaft

Aktuell leben dort 15 Menschen zusammen und teilen sich Einkommen, Ausgaben, Wohnräume und Autos. Gegründet wurde das Projekt Ende der 70er als politische, anarchistische Kommune. Heute spiegelt sich das zum Beispiel noch darin, dass alle Entscheidungen im Konsens (= eine Entscheidung wird nur getroffen, wenn niemand mehr dagegen ist) getroffen werden oder dass alle Einnahmen in einen Topf fließen, aus dem dann auch alle gemeinsamen Ausgaben bezahlt werden. Außerdem erhält jeder Mitglied ein monatliches „Taschengeld“ (ca. 200 €) zur freien Verfügung und 1200 € Urlaubsgeld jährlich. Doch eigentlich werden alle grundlegenden Lebenshaltungskosten bereits von der gemeinsamen Kasse abgedeckt.

Sehr beeindruckend ist für uns, dass die Menschen beim Eintritt in die Gemeinschaft ihr komplettes Eigentum übertragen. Alle Mitglieder entscheiden gemeinsam, was mit den laufenden Einnahmen und den Vermögenswerten gemacht wird. Dies ist natürlich keine leichtfertige Entscheidung, weder für das neue Mitglied, noch für die die Gemeinschaft. Daher gibt es ein verpflichtendes Probejahr, in dem das Leben und Arbeiten im Projekt ausprobiert werden kann und beide Seiten herausfinden können, ob „die Chemie stimmt“.


Landwirtschaft als Haupteinkommensquelle

Die Mitglieder arbeiten teils in der eigenen Land- und Forstwirtschaft, teils in externen Jobs und teils sind sie schon in Rente und helfen noch bei kleineren Aufgaben im Haushalt oder Büro mit. Die Haupteinkommensquelle ist allerdings die Landwirtschaft, hauptsächlich der Direktverkauf von Wein, Olivenöl, Brennholz, Honig und Schnaps. Zum Teil gibt es Stammkunden, die seit den Anfangsjahren auf den Hof kommen, um sich den Wein in eigene Karaffen oder Bottiche füllen zu lassen. Dies ist eine ausgezeichnete Kooperation: die Produzenten können ihre Produkte in größeren Mengen verkaufen, müssen es nicht transportieren und bekommen einen fairen Preis. Die Konsumten bekommen frische, lokale Produkte von hoher Qualität und ebenfalls zu einem fairen Preis.

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Herr Truthahn, der Aufpasser

Insgesamt werden etwa 80 Hektar (80.000 m², ca. 160 Fußball-Felder) bewirtschaftet, wovon aber 50 Hektar auf Wald entfallen. Es werden auch einige Tiere gehalten, aber fast ausschließlich für den Eigenbedarf. Darunter sind 2-4 Milchkühe und Bullen, zwei Schweine, ca. 50 Hennen, Masthähnchen, zwei Gänse, ein Truthahnpaar mit Nachwuchs, Kaninchen und Bienen. Das Futter für die Tiere wird fast komplett selbst angebaut (Getreide, Bohnen, Erbsen, Heu).

Eine wichtige Rolle spielt der Gemüsegarten mit zwei Folien-Gewächshäusern, der die Menschen dank des milden Klimas fast ganzjährig mit frischem Gemüse, Grünzeug und Teekräutern versorgt. Zusätzlich stehen auf dem ganzen Geländer verteilt Obst-, Nuss- und Beerenproduzenten (Walnuss, Kiwi, Weintrauben, Feige, Kaki, Apfel, Granatapfel, …). Im Herbst zur Erntezeit sicherlich ein Traum, wir waren leider ein wenig zu spät dran! Nur die Kaki werden erst sehr spät reif und wir konnten ein paar frühreife probieren, die aber trotzdem noch ein pelziges Gefühl im Mund hinterlassen haben.

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Alter Weinberg – Arbeit in idyllischer Landschaft

Wir haben hauptsächlich in der Landwirtschaft bei unterschiedlichsten Tätigkeiten geholfen: Brennholz spalten und verladen, Äste vom Olivenbaum-Schnitt verarbeiten, Gerüste im Weinberg abbauen (wird zur neuen Kuhweide), Tiere versorgen (füttern, ausmisten), Walnüsse knacken (demotivierend mit vielen Nieten, weil schlechtes Walnuss-Jahr), Bienen-Ausrüstung warten und reparieren, Plätzchen für Verkauf backen, Weinflaschen etikettieren, Bienenvölker kontrollieren.

Insgesamt war es ein sehr vielseitiger Eindruck, den wir bekommen durften. Oft waren die Aufgaben nicht sehr anspruchsvoll, aber das hatten wir auch nicht erwartet. Einerseits ist es normal, dass manche Aufgaben in der Landwirtschaft den Körper beanspruchen, aber dem Geist Raum zur Unterhaltung oder zum Nachdenken lassen. Andererseits bekommt man nach einer gewissen Einarbeitungszeit sicher auch anspruchsvollere Aufgaben, aber wir waren ja nur zweieinhalb Wochen dort.


Warum wir dieses Projekt besuchen wollten

Unsere Hauptmotivation dieses Projekt zu besuchen, ist der Fakt, dass diese Gemeinschaft schon seit fast 40 Jahren besteht und immer noch stabil und aktiv ist. Viele Projekte, die heutzutage in dieser Richtung gegründet werden, zerfallen innerhalb der ersten Jahre wieder. Zu unrealistisch sind oft die Einschätzungen der Herausforderungen, die das Leben, Arbeiten und Entscheiden in Gemeinschaft mit sich bringt. Die Motivation verebbt oft, nachdem der anfängliche Enthusiasmus verflogen ist und es gibt keine kraftvolle Vision, die die Menschen über diesen Punkt hinaus tragen kann. Um für unseren eigenen Weg solche Rückschläge zu vermeiden, wollen wir Projekte wie die „Comune Bagnaia“ besuchen und von deren jahrelanger Erfahrung lernen.

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Eines unserer persönlichen Highlights war darum auch das Gespräch am vorletzten Tag mit einem der sechs Gründer des Projektes. Wir haben uns sehr gefreut, dass er sich für uns Zeit genommen hat. Aber auch ihm schien das Gespräch zu gefallen und er hat sehr lebhaft und begeistert erzählt. Wir haben viele Notizen gemacht und viele spannende Geschichten gehört. Zuvor hofften wir auf eine Art „Geheimnis“, dass dieses Projekt so beständig macht. In dieser Hinsicht wurden wir gleich zu Beginn aufgeklärt, dass es so etwas nicht gäbe. Schade… Doch im Laufe des Gesprächs haben sich für uns dann doch einige Punkte herauskristallisiert, die zum langfristigen Erfolg und Bestehen der Gemeinschaft beigetragen haben und beitragen:

  • Glück hat wohl eine große Rolle gespielt. Die Umstände waren gut und die Menschen, die das Projekt gegründet und durch die ersten Jahre getragen haben, sind sehr gut miteinander ausgekommen.

  • Durchhaltevermögen besaßen die Gründer und frühen Mitglieder, es waren Menschen, die wirklich weiter machen wollten, auch wenn es mal Schwierigkeiten gab

  • Kontinuität: Die sechs GründerInnen sind auch heute noch Mitglieder und haben dem Projekt durch all die Jahre und die wechselnden Mitglieder eine stabile Basis, einen festen Kern gegeben.

  • Flexibilität: Man hat sich nicht darauf verlassen, dass neue Mitglieder für immer bleiben. Arbeitsbereiche wurden größer oder kleiner, je nachdem, ob und wie viele motivierte Menschen es im jeweiligen Bereich gab.

  • Weiterentwicklung: Vor allem im Bereich der Kommunikation und Entscheidungsfindung haben sie immer wieder Hilfe und Beratung von Außen geholt, um interne Prozesse und Probleme begleiten und moderieren zu lassen. Dabei haben sie neue Methoden und Wege gelernt, um besser miteinander diskutieren und Entscheidungen treffen zu können. Heute wird zum Beispiel vor jedem Treffen eine LeiterIn oder ModeratorIn bestimmt. Diese Person hat dann für die Dauer des Treffens die Autorität. Diese Person hilft dabei, den Fokus auf dem Thema des Treffens zu behalten und achtet darauf, dass die Gespräche sachlich bleiben.

  • Vergebung: In hitzigen Debatten sind wohl öfters Beleidigungen oder ähnliches gefallen. Die Menschen waren aber meistens klug oder weise genug, um dies nicht persönlich zu nehmen, sondern als Teil der Diskussion oder einer stressigen Phase zu sehen.

  • Zuhören statt Vorverurteilen.

  • Spiritualität ist jedem selbst überlassen.

  • Gleichheit: Es gibt keine Chefs, alle Entscheidungen werden gemeinsam getroffen. Alle übernehmen wechselnd die gleichen Aufgaben, z.B. Kochen und Putzdienste.

  • Rückzugsmöglichkeiten sollten ausreichend vorhanden sein, dass man sich für ruhige oder besuchte Orte, drinnen oder draußen, entscheiden kann.

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Heiße Quellen als besonderes „Schmankerl“

Wenige Tage vor unserer Abreise wurden wir dann noch zum Baden eingeladen. Leichte Erkältungssymptome ließen uns schon fast absagen, aber glücklicherweise sind wir dann doch mit. Abends im Dunkeln am Badeort angekommen, ging es über eine kleine Wiese zu einem Fluss hinunter. In den Hang waren einige rundlich-ovale Wasserbecken gebaut, die mit heißem Quellwasser gespeist wurden. Zum Glück war nicht viel los und wir konnten jedes Becken mal ausprobieren, die Wassertemperaturen waren etwa zwischen 30 und 40 °C! Es war echt ziemlich großartig: als würde man im Freien ein Bad nehmen! Und der klare Himmel war die Krönung! Die einzige Mini-Störung war der Schwefel-Geruch (Eier!), aber die Nase gewöhnt sich daran =)DSC00823.JPG

 


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One Comment

  1. Regina Morasch

    Dieser Bericht hat mir sehr gut gefallen . Toll, wie sich so ein Projekt über Jahre hindurch hält! Ich könnte mir vorstellen, dass dies auch mit meinen Schwestern gelungen wäre. ( Mit unseren Ehemännern sowieso nicht) Also doch eher wie ein klösterlicher Betrieb mit Idealen und höheren Zielen, für die es sich lohnt, sein ganzes Leben dem Wohle der Gemeinschaft zu widmen.
    Frage: Wohnen dort auch Familien mit Kindern? Was machen die erwachsenen Kinder?

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