Mindful Birthing

Mindfulness (Achtsamkeit / Gewahr sein) = aktive offene Aufmerksamkeit gegenüber der Gegenwart; Beobachtung der Gedanken und Gefühle ohne Beurteilung; im Moment leben; die gegenwärtige Erfahrung wahrnehmen

Als wir uns mit dem Thema Geburtsvorbereitung auseinandersetzten war für uns schnell klar, dass wir einen „anderen“ Geburtsvorbereitungskurs als sonst üblich besuchen wollen. Ich denke, dass man in Krankenhaus-geleiteten Kursen eher mit vielen Dingen konfrontiert wird, die einen nicht wirklich vorbereiten.

Zum Beispiel gibt es in der Runde meist ein paar Mütter die sehr Angst vor der Geburt haben und dieses Gefühl kann unterbewusst übertragen werden. Oder die werdenden Eltern lernen bestimmte Atemtechniken für Eventualitäten die letztlich doch nicht auftreten oder in der jeweiligen Situation dann komplett vergessen sind.

Jedenfalls kann ich nicht wirklich sagen wie ein typischer Geburtsvorbereitungskurs wirklich ausschaut, da ich keinen besucht habe.

Stattdessen recherchierte ich ein bisschen und stieß auf einen Wochenendkurs der sich  Mindfulness Based Childbirth and Parenting nannte und für die Geburtsvorbereitung an einem Wochenende konzipiert war.

Wir meldeten uns ohne viel Vorwissen zu diesem Kurs an, denn die Kursbeschreibung und das Vorgespräch mit der leitenden Hebamme sagten uns sehr zu.

Im folgenden möchte ich nun den Ansatz, Theorien und ein paar praktische Techniken von Mindful Birthing, die für mich als wichtig erschienen, etwas beschreiben. Ich bin der Meinung, dass dieses Wissen jeder Schwangeren zur Verfügung gestellt werden sollte, da ich mich nach dem Kurs sehr gut auf die Geburt vorbereitet fühle und einige Dinge dazu gelernt habe, die mir eine einfach und frohe Geburt ermöglichen werden.

Was ist das mit der Achtsamkeit?

Achtsamkeit hat etwas von entschleunigen, Körper und Geist wird dadurch ermöglicht sich selbst zu regulieren. Um achtsam zu sein müssen wir zunächst erst mal wahrnehmen, der erste Schritt dazu ist oft, dass wir wahrnehmen, dass keine Achtsamkeit/Gewahr sein da ist. Achtsamkeit kann man relativ einfach kultivieren und gut in den Alltag integrieren. Versuche einfach eine kleine Alltagstätigkeit (Zähne putzen, Abspülen, Klo gehen, Bett machen, etc…) für eine gewisse Zeit achtsam auszuführen. Das Bedeutet, dass du Dich für diese drei Minuten vollkommen deiner Tätigkeit hingibst. Also genau wahrnimmst wie du diese Tätigkeit ausführst und mit Neugierde untersuchst. Anfangs wirst du mit deinen Gedanken nicht für volle drei Minuten bei der Tätigkeit bleiben können und immer abschweifen. Kehre einfach ohne Bewertung immer wieder zu deiner Tätigkeit zurück und mit der Zeit wird es Dir immer leichter fallen 🙂

Und was hat Achtsamkeit mit dem Geburtsvorbereitungskurs zu tun?

Bei der Geburt, in der Zeit danach und während des ganzen Leben mit deinem Kind kann dir die Achtsamkeit helfen, wieder Dich wahrzunehmen, kurz „runterzukommen“ und den Moment wahrzunehmen.

Betrachten wir den Geburtsvorgang ist das von elementarer Bedeutung, denn die Achtsamkeit hilft der Frau enorm bei sich zu bleiben und nicht in Panik zu verfallen. Sie nimmt den Höhepunkt einer Geburtswehe ganz bewusst wahr, genauso wie die lange „schmerzfreie“ Pause bis zur nächsten Wehe. Das hilft ihr neue Energie zu schöpfen und so problemlos und relativ schnell das Kind zu gebären. (Mehr über den Ablauf der Geburtswehen im Abschnitt: Wie gehen wir mit den Wehen um?)

Das geborene Baby kann man nur wahrnehmen, wenn man präsent und klar im Moment ist. Denn nur so, kann das Baby sich verbinden und eine Bindung gelingen. Die eigene Wahrnehmung muss auf das Tempo des Kindes  verlangsamt werden, also von Moment zu Moment wahrgenommen werden. Eine erfolgreiche Bindung ist die beste Vorsorge für jegliche Eltern-Kind-Probleme.

Wie gehen wir mit den Wehen um ?

Im Durchschnitt eines Geburtsverlaufes kann man sagen, dass einer Wehe mit einer Minute Länge einer Pause von ca. 4 Minuten folgt. Daraus geht hervor, dass die Frau „nur“ 12 Minuten von 60 Minuten Wehen hat. Wenn Du dir diese Rechnung einmal deutlich vor Augen führt, dann müsstest Du doch meinen, dass diese 12 Minuten eigentlich gar nicht so viel sind und auf jeden Fall machbar sein müssten.

Ja und das sind sie auch! Wichtig zu wissen ist nur wie man mit diesen 12 Minuten Wehen umgeht und mit dem Rest der Zeit.

Ungefähr in der Mitte einer Wehe ist der Schmerzhöhepunkt der ca. 2-3 Sekunden andauert und an der Grenze des Aushaltbaren ist. Es ist wichtig, dass Du diesen Höhepunkt wahrnimmst, dann ist der Rest der Minute umso kürzer.

Die darauf folgende Pause dient der Erholung und muss auch dafür genutzt werden. Wenn dein Partner bei der Geburt dabei ist, bekommt er die Rolle des „Pausenhüters“ d.h. er hilft Dir dabei dich wirklich zu erholen indem er Dich bei Entspannungsübungen unterstützt (Mehr dazu im Abschnitt: Atem & Entspannungstechniken).

Leider ist es nämlich oft der Fall, dass die Pausen zwischen den Wehen nicht richtig wahrgenommen und zur Erholung genutzt werden, sondern dass sich nur auf den Schmerz der nächsten Wehe konzentriert wird und man schreckliche Angst vor der nächste Wehe hat.

In diesem Fall ist es auch keine Erholung für das Baby, denn der Körper bildet kein Oxytoz

in (Liebeshormon) und das Baby denkt, dass die Geburt nicht möglich ist. So kann es zu einem Geburtsstillstand kommen, denn der Para-Sympathicus wird aktiviert und der Körper schüttet (Nor-)Adrenalin aus, welches einen Kampf-Flucht-Modus zur Folge hat.

Wenn der Körper der Frau auch keine Endorphine (körpereigene Schwerzmittel) ausschüttet, weil z.B. der Frau eine künstliche Oxytozingabe verabreicht wurde, wird das Baby im Mutterleib auch nicht mehr vor Schmerzen geschützt. Denn auch wenn Mütter bei einer natürlichen Geburt Schmerzen haben, Babies spüren davon nichts.

Hier ein paar Tipps wie der Partner Dich bei den Wehen unterstützen kann:

  • langsam an die Frau annähren, so dass sie Berührung zulassen oder ablehnen kann
  • Berührung der Frau mit ganzer Handfläche, nur an einer Stelle ruhig die Hand auflegen
  • Wenn Frau in Wehenpause auf Stuhl sitzt: Partner kann sich dahinterstellen und seine Hände waagerecht auf die Stirn legen; oder einfach ihre Hand halten und vor ihr knien
  • Wenn Frau in Wehenpasue mit dem Bauch zur Stuhllehne sitzt: Partner kann den Rücken hinabstreichen oder ihre Pobackensanft schütteln
  • In Wehenpause zusammen atmen

Hier ein paar Ideen mit was du die Wehen und die Pause verbringen kannst:

Wehen:

  • Atme deinen Schmerz weg
  • Atme zum Schmerz hin oder versuche ihn genau zu spüren
  • Summe
  • Töne
  • Stelle dir deinen Lieblingsort vor
  • Zähle immer wieder langsam bis zehn
  • Spreche Mantren (überlege Dir vor der Geburt schöne, kurze und kraftvolle Mantren)

Pausen:

  • Atme tief ein und aus und zähle dabei die Atemzüge
  • Gehe in Gedanken zu deinem Baby und freue Dich, dass du es bald sehen wirst!
  • Spreche Mantren
  • Stelle dir deinen Lieblingsort vor

Wichtig v.a. in einem späteren Stadium der Geburt ist, dass die Kommunikation zwischen Dir und deinem Partner non-verbal verläuft, denn immer wenn dein Partner Dich anspricht hindert das deine Entspannung und Erholung, da der Präfrontale Kortex in deinem Gehirn angeregt wird, der für vernunftbezogenes Denken zuständig ist.  Sobald Du als Frau aus der Kommunikation gehst, geht die Geburt richtig los und der Partner nichts mehr sagen. Nur kurze klare Ansagen wie „Trinken!“ oder „Weg!“ können hilfreich sein.

Die letzte Phase der Geburt

In der letzten Phase der Geburt muss das Baby durch das Becken, dazu hilft es selber mit und drückt sich mit den Beinen oben ab. Nur, wenn die Frau in der Phase zuvor körpereigene Endorphine (Schmerzmittel) ausgestoßen hat (keine Anästhesie oder PDA) bekommt das Baby fötales Adrenalin welches ihm dabei hilft gleich nach der Geburt seine Sinne einzuschalten.

In dieser Phase der Geburt kann Ihr Partner wenig tun. Hier ist es besonders wichtig, dass er auch mal eine Pause macht und gut für sich sorgt, z.B. etwas essen oder Kraft tanken. Männer können sich in dieser Phase oftmals sehr machtlos fühlen und sogar traumatisiert werden. Denn alle weiteren Anwesenden haben nicht den Hormoncocktail der Frau, der das ganze für sie aushaltbar macht. Wenn das Kind dann kommt ist es wichtig, dass die Frau eine aufrechte Haltung einnimmt, denn die Schwerkraft hilft das Kind zur Welt zu bringen. Ist das Kind dann da, ist es ganz wichtig im Moment zu sein und inne zuhalten, nicht in Aktivität zu verfallen (Foto machen, aufräumen, etc.) und das Kind betrachten. Das Kind brauch nicht sofort abgenabelt werden. Es ist sehr förderlich, wenn man die Plazenta Geburt abwartet und so sicherstellt, dass das restliche Blut und viele Nährstoffe als wertvolle Reserve in das Baby gelangen kann (ca. ¼ des Blutvolumes des Babies ist noch  in der Plazenta).

Viele Babies weinen, wenn sie zu früh abgenabelt werden, es hat zwar keine Schmerzen, aber ein Bewusstsein dafür. Deshalb ist es ratsam, das Kind möglichst weit abzunabeln und drei bis fünf Tage später fällt dann der Rest alleine ab.

Eine routinemäßige Gabe von Oxytozin stört den Still-Aufbau und sollte, soweit es geht vermieden werden. Nur wenn starke Blutungen eintreten, kann dies hilfreich sein.

Sonst noch wichtig zu wissen ist, dass eine Geburt sehr störanfällig ist, denn das Liebeshormon Oxytozin ist sehr scheu. Um mehr zu erfahren welche Umgebungsbedingungen für eine einfach frohe Geburt förderlich sind, lese dazu den Artikel: Geburt

Aus diesem Geburtsvorbereitungskurs konnte ich viel mitnehmen und würde ihn auf jeden Fall weiterempfehlen, auch weil der Partner klar mit in den Geburtsvorgang miteinbezogen wird und ein realistisches  Bild davon bekommt, wie er seine Partnerin wirklich unterstützt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*