Gemeinschaft Corricelli – Sonne, Wald und steile Wege

Zu Besuch bei der Gemeinschaft und Ökodorf „Corricelli“ (bei Vaiano, Florenz, Toskana)

weißer alter Fiat Panda
alter Fiat Panda und Schotter-Straße zur Gemeinschaft

Ein weißer, eckiger, alter Fiat Panda erwartet uns am Bahnhof Vaiano. Es ist noch eines dieser Autos, in denen nahezu keine Elektronik verbaut ist. Dadurch ist es besonders wenig anfällig für Störungen. Sicherlich ein Grund, warum die Gemeinschaft Corricelli immer noch zwei dieser „unkaputtbaren“ Fahrzeuge besitzt. Denn der letzte Kilometer zu ihrem Wohnort führt aus einem kleinen Tal nördlich von Prato (nördlich von Florenz) eine teils steile Schotterstraße mit einigen engen Kurven hinauf. Manche moderne Autos würden dabei wahrscheinlich den Dienst quittieren. Denn bei der Überquerung von drei Bachläufen ist ausreichend Bodenfreiheit gefragt. Es staubt, spritzt und Schottersteine schlagen von unten gegen das Auto. Hier könnten die zahllosen Großstadt-Geländewagen ihre Tauglichkeit beweisen! Der kleine Panda bewältigt seine Aufgabe jedenfalls prächtig, auch dank der erfahrenen Lenkerin Anja, Mitglied bei Corricelli und gebürtige Deutsche.

 

Landschaft trocken Italien
trockene Landschaft, aber grüne Bäume

Die Begrüßung ist herzlich, es ist bereits unser zweiter Besuch hier. Im September 2016 waren wir bereits eine Woche hier. Jetzt ist es Anfang Juli 2017. Es hat seit Mai nicht mehr richtig geregnet und man sieht es der Landschaft an. Obwohl die Hänge fast vollständig mit Bäumen und Sträuchern bedeckt sind, macht alles einen etwas schlappen, trockenen, ja fast durstigen Eindruck. Das Gras ist vertrocknet, der Boden hart. Außer Eidechsen sieht man tagsüber bei Temperaturen zwischen 30 und 35 °C kaum Tiere. Vogelgezwitscher hören wir nur bei einem Morgenspaziergang, es ist etwa 7:00 Uhr und noch angenehm kühl. Dank des großflächigen Waldbestandes in der ganzen Gegend kühlt es nachts ab. Die Pflanzen speichern die Sonnenstrahlen nicht als Wärme, sondern verwenden sie zur Zuckerproduktion oder reflektieren sie. Anders als in Städten, wo Beton und Asphalt tagsüber die Sonnenenergie als Wärme speichern und nachts wieder abgeben.

Dank der vielen Bäume, die Schatten spenden, sind die hohen Temperaturen auch tagsüber auszuhalten. Nur nachmittags zwischen 14 und 16 Uhr ist es manchmal zu heiß, wenn sich die Wärme des ganzen Tages gesammelt hat und die abendlichen Abkühlung noch nicht anfängt. Aber dann ist normalerweise sowieso Zeit für Mittagsschlaf!

Auch sonst prägt das Wetter den Tagesablauf stark. Vormittags wird eher draußen und körperlich gearbeitet. Je früher man startet, desto länger kann man noch im Kühlen arbeiten. Im Schatten kann man aber meist bis mittags ganz gut arbeiten. Nach dem gemeinsamen Mittagsessen gönnen wir uns eine manchmal mehr, manchmal weniger verdiente Pause. Der Nachmittag wird dann zum Lesen, für organisatorische Treffen oder Büroarbeit genutzt. Wen die Lust packt, der kann auch abends nochmal etwas körperlich arbeiten, bis dann gegen 20 Uhr das Abendessen ruft.

Sommerküche von außen
Sommerküche im Wald von außen

Und es ruft tatsächlich im wahrsten Sinne des Wortes. Mit einer großen Muschel wird zum Essen geblasen. Eine bewährte Methode, um die auf dem etwa ein Hektar großen Grundstück verstreuten Menschen zu erreichen. Dann dauert es meist noch fünf bis zehn Minuten bis alle da sind und ihren Weg zur Küche über einen der verschlungenen Waldpfade zurückgelegt haben.

Zu spät sollte das Abendessen jedoch nicht stattfinden. Die einfache Sommerküche hat keinen Stromanschluss und wird über zwei kleine Solarlichter und Kerzen beleuchtet. Gekocht wird auf Gas, das Quellwasser kommt mit der Schwerkraft bis zur Küche.

Töpfe, Spüle und Ofen
Töpfe, Spüle und Ofen

Nach dem Abendessen machen wir uns im Halbdunkeln auf den Weg zum Gemeinschaftsraum, um das Internet zu nutzen, eins der wenigen „Luxusprodukte“ hier am Ort.

Oder wir gehen direkt zu dem kleinen Wohnwagen, in dem wir übernachten. Unter unserer kleinen Solarlampe „Little Sun lesen wir noch ein bisschen, bis wir dann von den Grillen in den Schlaf gezirpt werden.

little sun solarlampe(Little Sun ▶hier kaufen! Für jede verkaufte Little Sun geht eine Lampe an Partner im ländlichen Afrika. Dort wird denjenigen Solarenergie zur Verfügung gestellt, die es am meisten brauchen.)

Schlafplatz im Grünen
Unser Schlafplatz im Grünen

In der Nacht zeigt sich dann einer der wenigen Vorteile der langen Trockenheit: es gibt nur ganz wenige Moskitos, die dann natürlich besonders lästig sind! Hätte ich doch mein Moskitonetz mitgenommen…

Auch am Wochenende wurde uns nicht langweilig. Zwei Mitglieder von Corricelli wurden von einer anderen Gemeinschaft (Il Popolo degli Elfi – Das Volk der Elfenhttp://ecovillaggi.it/rive/ecovillaggi/13-elfi.html) eingeladen, um bei einem internen Konflikt zu vermitteln. Wir konnten die Gelegenheit nutzen und während des Treffens das weitläufige Gelände erkunden.

einfaches Steinhaus beim "Volk der Elfen"
einfaches Steinhaus bei der Gemeinschaft „Volk der Elfen“

Zur Gemeinschaft selbst führt nur eine Schotterstraße. Die einzelnen Häuser und Gebäude sind durch Fuß- oder Feldwege miteinander verbunden. Ab und zu wünschen wir uns einen „Stadtplan“, um uns nicht zu verlaufen. Immer wieder treffen wir auf kleine Gruppen von Wohnwägen oder einzelne Häuser mit Gärten. Und alles umgeben von Wald. Das meiste macht einen gepflegten Eindruck, aber alles ist sehr einfach gehalten. Holz und Stein dominieren als Baumaterialien. Im Garten grasen Schafe oder ein Esel, am eigenen Badeteich tummelt sich der Nachwuchs, bestimmt 15 Kinder.

 

Badeteich mit Seilbahn
Badeteich mit Seilbahn

Die Jungs schwingen an einer Seilbahn über den Teich und lassen sich – mal mehr, mal weniger kunstvoll – ins Wasser fallen. Insgesamt wirkt es unglaublich idyllisch, wir fühlen uns in eine Zeit zurückversetzt, die wir nur von Bildern oder Geschichten zu kennen glauben. Natürlich hält auch hier die Moderne Einzug: die Entfernungen zwischen den Häusern sind groß und man ruft sich mit dem Smartphone an. Das Auto ist unverzichtbarer Bestandteil des Lebens. Aber es scheint ein gelungener Kompromiss zwischen Leben mit und in der Natur und Leben mit der Moderne zu sein.

 

Am Sonntag findet nur einen kurzen Fußmarsch von Corricelli entfernt eine Einführung in ▶Gewaltfreie Kommunikation statt. Gastgeber ist eine kleine Gemeinschaft bzw. WG, die ein altes Steinhaus gemietet hat. Alles findet auf Italienisch statt, aber wir bekommen das Wichtigste leise auf Englisch übersetzt. Das lange Sitzen und der anspruchsvolle, theoretische Inhalt machen uns müde. Das gemeinsame Mittagessen sorgt für eine willkommene Auffrischung. Dabei unterhalten wir uns mit zwei jungen Menschen in unserem Alter, deren Eltern aus Deutschland und den Niederlanden nach Italien ausgewandert sind. Sie sind hier geboren und aufgewachsen, sprechen aber Deutsch wie eine zweite Muttersprache.

 

An den restlichen Tagen haben wir vormittags bei unterschiedlichen Arbeiten mitgeholfen. In den Wochen zuvor wurde die Küche renoviert und wir haben noch bei den Abschlussarbeiten mitgemacht: ein paar alte Möbel auf Vordermann bringen, Wege und Wasserabfluss um das Gebäude herum befestigen, Geländer anbringen und viele weitere kleine Dinge.

renovierte Küche innen
renovierte Küche innen, noch nicht ganz fertig

An einem Nachmittag hatten wir eine kleine Gesprächsrunde mit der ganzen Gemeinschaft. Es ging darum, wie für sie und für uns ein zukünftiges Leben in der Gemeinschaft aussehen könnte. Wir haben Ideen und Visionen ausgetauscht und haben Möglichkeiten durchgesprochen. Es ging eher um das „große Ganze“, als um Detailfragen. Am Ende hatten wir das Gefühl, dass das Gespräch für beide Seiten hilfreich war. Uns hat es auf der Suche nach einem zukünftigen Lebensort jedenfalls wieder ein kleines Stück weiter gebracht.

 

Sehr beeindruckt hat uns vor allem die Einfachheit, mit der die Menschen hier wohnen. Obwohl keiner jünger als 50 ist, haben sie sich bewusst für dieses einfache Leben entschieden.

Eine Dusche mit Warmwasser gibt es erst seit ein paar Jahren und wird auch nur im Winter genutzt. Im Sommer duschen alle in einer einfachen „Wald-Dusche“ mit schöner Sicht ins Tal.

Aussicht aus der Freiluft-Dusche
Aussicht aus der Freiluft-Wald-Dusche

Ebenfalls im Wald befindet sich die Kompost-Toilette mit ebenso tollem Ausblick. In einer Kompost-Toilette wird menschlicher Kot zusammen mit Sägespänen oder Stroh gesammelt, um die Feuchtigkeit zu binden. So entstehen keine unangenehmen Gerüche. Nach ein bis zwei Jahren Kompostierung, ist es ein guter Dünger für Bäume oder Sträucher.

Aussicht Kompost-Toilette
Aussicht von der Kompost-Toilette

Die Häuser sind ebenfalls sehr einfach. Zwei kleine Strohballen-Häuser mit etwa 30 Quadratmeter. Das einfachere der beiden hat etwa 3000 € gekostet! Dazu noch ein renoviertes Steinhaus mit einem privaten Zimmer, Küche, Bad und Gemeinschaftsraum/Büro.

Einfaches Strohballen-Haus
Einfaches Strohballen-Haus
renoviertes Steinhaus
renoviertes Steinhaus

Wir bekamen den Eindruck, dass die vielen sozialen Kontakte viel wichtiger sind für die Zufriedenheit. Besonders von Frühjahr bis Herbst sind oft Gäste und Freunde zu Besuch. Oder sie fahren Freunde besuchen. Vor allem das vielfältige soziale Netz außerhalb der Gemeinschaft scheint eine wichtige Stütze zu sein und verhindert, dass man bei einer solchen Lebensweise zu „Eigenbrötlern“ wird, die ihre Vision eines einfachen Lebens nicht mehr nach außen vermitteln können.
Insgesamt haben wir nicht den Eindruck, dass es ihnen an etwas mangelt und dass sie glücklich und zufrieden sind. Sie sind einfach froh 😉


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