Die Vorzüge und Bedenklichkeiten moderner Zeiten

Wir leben in Zeiten der modernen Technik, Vernetzung und Wissenschaft. Uns steht jegliches Wissen innerhalb kürzester Zeit zur Verfügung und neuste Erkenntnisse bieten uns eine Vielzahl von Möglichkeiten, von denen sich Menschen vor noch 100 Jahren nicht einmal zu träumen gewagt hätten.

Entscheidungen zu fällen ist heute in allen Bereichen des Lebens kein Kinderspiel mehr. Es gibt für jede Möglichkeit Vorteile und Gegenargumente, bewiesen durch Studien. Auf wen soll mensch denn heute noch hören?

Das ist gewiss keine so leicht zu beantwortende Frage… Es ist ganz besonders schwierig eine Balance zwischen den eigenen Vorstellungen und Idealen und externen Ratschlägen zu finden.Besonders in der Zeit der Schwangerschaft werden die Eltern mit vielen Entscheidungen konfrontiert. Seien es die Entscheidungen über pränatale Untersuchungen, den Geburtsablauf oder die erste anstehende Impfung.

Im folgenden möchte ich etwas auf die Geschichte des Gebärens eingehen und dabei die wichtigsten Entwicklungen erläutern und welche Auswirkungen diese auf Schwangerschaft und Geburt haben.

Geschichtliche Entwicklung

Wir starten unsere Reise zu Beginn des 20 Jahrhunderts. Diese Jahre markieren den Anfang der Industrialisierung und für eine Frau war es bei Komplikationen gar nicht so unwahrscheinlich die Entbindung nicht zu überleben oder bleibende Schäden davonzutragen. Häusliche Hebammen-geleitete Geburten waren bis dahin noch selbstverständlich. Aber aufgrund des Risikos waren Frauen bereit dazu, die Geburt ins Krankenhaus auszulagern. Die neue medizinische Geburtshilfe war sehr beliebt und Ärzte übernahmen die Oberhand über den Geburtsverlauf und Hubammenhilfe wurde eingedämmt. Ein Großteil der Frauen begrüßte es eine sichere Geburt erleben zu dürfen.

Doch bald wurden Maßnahmen, die nur im Notfall eingesetzt werden sollten, zur Routine. Und so wurden z.B. Dammschnitt, Kaiserschnitt oder die Dämmerschlafentbindung als Standardverfahren festgelegt. Neugeborene wurden auf der Säuglingsstation von „fremden“ Menschen umsorgt und bekamen das Fläschchen. Stillen wurde überhaupt nicht mehr empfohlen, stattdessen bekamen die Babys industriell gefertigte Ersatzmilch von der die Eltern glaubten, dass es das Beste für ihr Kind sei.

Michel Odent, der Autor des Buches „Neue Ansätze zur sanften Geburt“, nennt diese Zeit die „Industrialisierung des Gebärens“ und vergleicht sie auf nachvollziehbare Weise mit der „Industrialisierung der Landwirtschaft“. In der Landwirtschaft wurde zu dieser Zeit auf maschinelle Bearbeitung der Felder umgestellt und es wurden Spritzmittel eingeführt um einen höheren Ertrag zu generieren. Supermärkte sprossen aus allen Ecken und die Menschen konnten sehr billig und ohne Nahrung selber produzieren zu müssen, einkaufen. Attraktiv war zudem, dass die Menschen nun Zugang zu Luxusgütern wie z.B. Lachs oder Zitronen hatten, die sie sich normalerweise hätten gar nicht leisten können. Schwangere Frauen waren von nun an gut mit allen Nährstoffen versorgt, was zur Folge hatte, das Kinder mit einem höheren Geburtsgewicht und  ohne Mangelerscheinungen auf die Welt kamen. Heute weiß man allerdings, dass die Welt in der Gebärmutter durch verschiedene fettlösliche Substanzen verschmutzt wird. Viele dieser Substanzen stehen im engen Zusammenhang mit industrieller Landwirtschaft (Insekten- und Unkrautbekämpfungsmittel). Wir alle haben diese Substanzen in uns und lagern sie in unserem Fettgewebe ein. Heute sei jeder Schwangeren geraten, v.a. während der Zeit der Schwangerschaft und des Stillens nur Lebensmittel aus kontrolliert ökologischem Landbau zu verzehren. Diese Nahrungsmittel haben einen weitaus geringeren Anteil an schädlichen Substanzen, auch wenn sie durch die hohe Umweltbelastung nicht ganz verschont bleiben. Denn laut Studien des Primal Health Centers ist unsere gesundheitliche Verfassung in hohem Maße von der Zeit geprägt, die wir im Mutterleib verbracht haben. Verschmutzungen in der Gebärmutter können langanhaltende Auswirkungen  haben und eine gesundheitliche Gefahr darstellen.
Beides, die Industrialisierung des Gebärens und der Landwirtschaft, versprach mehr Sicherheit und Einfachheit für den Einzelnen.

Heute ist man wieder etwas mehr in Richtung natürlicher Entbindung orientiert und es wird Wert auf den Mutter-Kind Kontakt gelegt. Trotzdem läuft Gebären teilweise noch relativ „industrialisiert“ von statten. Es wird zwar routinemäßig bei weitem nicht mehr so viel durchgeführt wie früher, aber dennoch gibt es einige Interventionen die bei einer normal laufenden Geburt nicht von Nöten sind. Beispielsweise wird heute noch oft nach der Geburt des Kindes routinemäßig künstliches Oxytocin verabreicht, welches die Plazentageburt beschleunigt. Denn vielleicht wartet ja schon die nächste Schwangere auf ihren Platz im Entbindungssaal…

Moderne Technologie und traditionelle Rituale

Schon immer sind Leben und Tod eng miteinander verknüpft, denn eine Geburt, die einem kleinen Menschen das Leben schenkt, ist potenziell eine lebensgefährliche Angelegenheit. Auch wenn in den meisten Fällen alles gut geht, ist dieser Vorgang oft mit einer Angst verbunden. Denn egal wie viel Technologie und Wissenschaft wir auch haben und entwickeln werden, das Geheimnis des Lebens können wir nie ganz lüften und auch nie unter Kontrolle bringen. Es bleibt eine Faszination und ein Wunder für sich.

Unsere Vorfahren versuchten mit Ritualen und Mythen ihre Gefühle und Ängste besonders in der Zeit der Schwangerschaft zu äußern. Und ja, wie ich in meinem Blogbeitrag „Vorgeburtliche Prägung“, bereits erwähnt habe, hat sich an unserem genetischen Material seit 100 00 Jahren nichts geändert und wir heute haben genau die gleichen Ängste und Gefühle wie schon in früheren Zeiten. Wir suchen allerdings unsere Sicherheit in den modernen „Technologien“. Denn der Fortschritt in Wissenschaft und Technik befähigt uns Fotos von Embryos und Föten im Bauch zu sehen und so natürlich auch das eine oder andere Leben zu retten. Pränatale Tests z.B. ein Ultraschall (Sonographie) vermitteln uns ein Gefühl der Sicherheit, damit wir unsere Ängste in Zaum halten können. Wichtig dabei zu beachten ist, dass diese Sicherheit von außen kommt und wir dürfen uns nicht durch diese äußere Sicherheit den Zugang zu unserer Intuition und Gefühlen versperren lassen. Denn besonders in der heutigen Zeit haben viele Menschen verlernt ihre Aufmerksamkeit nach „innen“ zu richten und das intensive, emotionale Geschehen wahrzunehmen.
Besonders während der Schwangerschaft ist das aber essentiell wichtig, sonst schwächen die Schwangeren den Kontakt zu ihrem Kind und sich selbst, was für beide Seiten Nachteile mit sich bringt.
Bei den zahllosen Vorsorgeuntersuchungen die heute einer Schwangeren angeboten werden, werden ständig potentielle Probleme in den Vordergrund gerückt, so dass manchmal eine gut verlaufende Schwangerschaft durch Eventualitäten zu einer hohen psychischen Belastung der Eltern werden kann.

Manchmal werden auch einfache physische Anpassungsreaktionen, die bei einer nicht- Schwangeren bedenklich wären, als Krankheit hingestellt. Dann wird eine vorübergehen völlig normale Umstellung des Kohlenhydrat-Stoffwechsels als Schwangerschaftsdiabetes diagnostiziert und ein erhöhtes Blutvolumen (Zeichen dafür, dass Plazenta gut arbeitet) wird zur Anämie. Das Blut ist nämlich dünner als sonst und die Hämoglobin-Konzentration fällt dadurch niedriger aus.

 

Zu sagen bleibt zu Schluss, dass sich heutzutage werdende Eltern eigenverantwortlich über verschiedene Möglichkeiten informieren sollten. Damit meine ich, auch einmal einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und mögliche Hintergründe für z.B. eine Vorsorgeuntersuchung zu verstehen, bzw. diese auch kritisch zu betrachten. Denn ein Arzt wird einem vieles nicht sagen, da er es selbst nicht so gelernt hat und womöglich auch nicht weiß. Er möchte sicherlich auch nur das Beste und die größtmögliche Sicherheit. Und letztlich sollen werdende Eltern auf ihr Gefühl hören, denn nur sie tragen die Verantwortung!

 

Quellen:

Das Geheimnis der ersten neun Monate

Im Einklang mit der Geburt – neue Ansätze zur sanften Geburt – Michel Odent

Eigenes Verständnis

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